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Verwallrunde

 © Rollo Steffens

Österreich / Verwall / Hüttentour

Verwall - Einsamkeit auf hohen Wegen

Ob von St. Christoph am Arlbergpass oder von Pettneu auf der Nordseite des Gebirges, ob vom Stausee Kops oder von St. Anton am Arlberg, ob als eine große oder eine kleine Runde: Eine Verwall-Durchquerung kann alles bieten, was das alpine Herz begehrt.

Mein erster Kontakt mit dem Verwall war eine Art Dienstreise. Dem Chefredakteur einer alpinen Zeitschrift gelüstete in einem Gebietsthema über die Region zwischen St. Anton, St. Christoph und Galtür nach einer steilen Nordwand. Und weil er verlangte, gelangte ich auf abenteuerliche Weise mit meinem Bergfreund und Kollegen Andi Dick an den Fuß der Kuchenspitze. Wir bewältigten die eisig-steile Wand im Auf - und auch im Ab, weil uns spät im Jahr vor einem Rückweg über den bereits tief eingeschneiten Ostgrat grauste. Als ich die Wand zwanzig Jahre später vom Kuchenjoch aus wieder sah, grauste mir erneut. Von einer prächtigen Eiswand, die man einst auch eine „Mini-Jorasses im Skiparadies“ nannte, haben Globalerwärmung und Klimawandel nicht mehr viel (übrig) gelassen.

Es gibt noch ein paar kleine Gletscher in jenem ostalpinen Hochgebirge Verwall, das sich die österreichischen Bundesländer Tirol und Vorarlberg redlich teilen. Wer aber ohne eine große Ausrüstung das Herz dieser Hochgebirgsgruppe  in einer großen (oder kleinen) Runde durchqueren möchte, kommt in den Sommermonaten auch ohne Seil und Riesenrucksack durch. Ausgeklügelte Wege, ein paar Varianten, sieben bewirtschaftete Hütten und zwei Selbstversorgerhütten des Deutschen Alpenvereins (DAV) und ein Haus des Touristenclubs Innsbruck helfen dabei.

Die Ouvertüre für einen langen Höhenweg ist leicht. Starten wir doch in St. Christoph am Arlbergpass bereits in einer Höhe von fast 1800 Metern. Das aus einigen exklusiven Hotels und gemütlichen Gasthäusern bestehende Dorf liegt wenige Autobusminuten vom mondänen St. Anton am Arlberg entfernt und ist einer der höchstgelegen Ski-Orte der Alpen. In den Sommermonaten ist hier nur wenig los, und so bummeln wir die gerade einmal 300 Höhenmeter am Peischelkopf (2412 m) vorbei zur Kaltenberghütte ganz allein. Die ist dann gleich ein Höhepunkt auf einer Reise durch´s Verwall. Auf einem ausgeprägten Sporn stehend hat man beste Sicht auf Lechtaler Alpen und in das Klostertal. In weiter Ferne sticht aus einer Kette hoher Berge ein Paradeberg des Rätikon hervor: die Zimba.

Klein Patagonien und Nummer 4676
Wer zeitig ankommt, kann eine kleine Runde drehen. Über das Maroijöchle, die Maroiköpfe und den Alpenkopf. Aber mit Vorsicht. Der erste Teil ist schwach markiert, grasig-schrofig und nur mit trocknen Füßen zu empfehlen. Tag zwei bringt eine Überraschung. Wer dem Reutlinger Weg in Richtung Konstanzer Hütte folgt, glaubt tief in Patagonien zu sein. Der noch im Juli halbgefrorene Kaltenberg See suggeriert uns das zumindest. Von Altschnee umrahmt schimmert er türkis. Die Hintergrundkulisse von Scheibler, Kuchenspitze und Patteriol runden dieses Bild. Fast wie im Traum – und doch Verwall. Als wir zum Ende des Tages nahe der Konstanzer Hütte eine kleine Alm durchqueren, begrüßt mich muhend eine junge Kuh, trottet mit, lässt sich am Kopf verwöhnen und schleckt an meinen Beinen. Sie trägt im Ohr die Nummer 4676. Als ich zwei Wochen später wieder zur Konstanzer Hütte komme, muht es wieder und ich habe mit 4676 ein Dejavu. Bei meinem dritten Besuch Tage später saugt das gleiche Tier an meiner Fototasche, dass es nur so schmatzt - und verschlingt dabei eine Speicherkarte meiner Kamera. Leer, zum Glück! Ich höre es noch zwischen ihren Zähnen knacken…

Ins Kuchenjoch und auf den Scheibler
Der dritte Tag bringt einen “harten Ritt“. Es geht an der Verwall-Alpe vorbei hinauf zum Kuchenjoch. Ein Anstieg, der uns in die Beine geht. Belohnung für den steilen Hang: Als der Morgennebel auseinanderreißt steht visavis der Patteriol im frühen Licht. Grandios und spitz - und doch erreichbar. Wer von der Konstanzer Hütte einen anderen Weg einschlägt, als meine Variante es beschreibt, begeht den Bruckmann-Weg zur Heilbronner Hütte, und kommt am Einstieg zum “Berg der Berge“ fast vorbei. Wegfindig muss man sein, und felsenfest. Der Normalweg kostet 2 ½ Stunden im Auf und ist ein glatter Zweier. Doch zurück zu unserem Aufstieg in das Kuchenjoch: Wer es erreicht, der sollte sich noch etwas gönnen. Die Stunde zum Gipfelkreuz des Scheibler (2978 m) ist geschenkt - und gehört zum Übergang ins Moostal und zur Darmstädter Hütte wie die Butter auf´s Brot.

Darmstädter Hütte einst und heute
Zwanzig Jahre sind ein Batzen Zeugs. So lange war ich nicht mehr hier. Nachdem vor ein paar Tagen eine Auffahrt mit dem Mountain-Bike ins Wasser fiel, weil es aus Kübeln goss, und ich auf halber Strecke passen musste, ist meine Freude doppelt groß. Der Winterraum, die braungebrannten Holzschindeln, alles ist wie eh und je – als würden hier die Uhren anders ticken. Im Wasser eines kleinen Bergsees spiegelt sich die Landschaft – Urwelt hoch über einer anderen Welt.

Mit Blitz und Donner bei Niederelblern
Der nächste Tag wird akademisch. Über den “Advokatenweg“ und den anschließenden “Hoppe-Seyler-Weg“ schlendern wir zum nächsten Ziel: der Kieler Wetterhütte. Die Notunterkunft und Selbstversorgerhütte liegt jenseits des Schneidjöchels nahe der Oberen Fatlarscharte, fast Dreitausend Meter hoch. Und mit dem schlendern ist es bald vorbei. Harte Schneefelder erfordern Aufmerksamkeit, und eine Steiganlage führt uns schließlich steil hinauf. Wer es etwas sanfter möchte steigt bis zum Kartellspeicher in das Moostal ab und wandert übers Seßladjöchli. Das Tagesziel bleibt immer gleich: die Niederelbehütte. Ihr Hausberg, der Kappeler Kopf ist ein Muss. In einer halben Stunde ist man dort, hat eine Rundsicht, die sich lohnt. Am Abend zeigt der Hochsommer, was in ihm steckt. Dicke Quellwolken ziehen auf, es blitzt und donnert unentwegt. Als morgens dann die Sonne Wolken trennt, ist der Spuk vorbei – und das Licht für Augenblicke grandios.

Zum höchsten Punkt im weiten Rund
Doch es bleibt feucht. Als wir die Schmalzgrubenscharte überschreiten setzt leichter Nieselregen ein. Ärgerlich zunächst, doch bald zu unserem Vorteil. Aus der Höhe ist wegen der dichten Wolkendecke eine Steinbockherde abgestiegen. Als wir keine 300 Meter von der Edmund-Graf-Hütte um eine Ecke biegen, stehen wir praktisch mitten drin. Wir zählen 19 Böcke, ein Tier prachtvoller als das andere. Sie grasen friedlich und fast ohne jede Scheu. Am nächsten Morgen mühen wir uns über einen begrünten Bergrücken und durch ein steiles Kar. Ziel ist der Hohe Riffler. Er bildet mit 3168 Meter den höchsten Punkt der ganzen Gruppe. Viele rote Punkte führen zu einem kleinen, steilen Sporn mit Drahtseilen, im Zentrum eines blockgefüllten Kars. Wer klettern kann, packt zu; wer nicht, wühlt sich in Sand und Schotter rechts vorbei. Nach drei Stunden ist auch für langsame der Drops gelutscht – und Pettneus Kirche 2000 Meter tiefer winzig klein. Dort wollen wir noch hin. Es wird ein langer Weg.

Der Wormser Höhenweg
Wer mehr will, wechselt von Tirol nach Vorarlberg und geht nach Schruns. Beim Aufstieg auf den Wormser Höhenweg helfen hier Hochjochbahn und Sennigratlift. Der “Katzensprung“ zur Wormser Hütte dauert eine knappe halbe Stunde. Doch dann wird´s hart. Zehn Stunden sind es, bis Radler oder kaltes Bier durch trockne Kehlen laufen darf. In dieser Zeit kein Stützpunkt weit und breit. Im Aufstieg und im Abstieg sind 1000 Höhenmeter zu wuppen, kein Weg für Softies. Höhepunkte sind die Übergänge am “Grat“ (2251 m) und am Valschavieljöchli. Wer nach zehn Stunden um die Ecke biegt und über den Schneidseen die Neue Heilbronner Hütte sieht, ist wirklich gut. Es kann auch etwas länger werden…

Verwall total
Wer alles möchte – und wer will das nicht - macht weiter und zieht über´s Muttenjoch zur Friedrichshafener Hütte und tags darauf über das Kuchenjoch nach Darmstadt, und ist dann dort, wo wir vorhin schon einmal waren. Tipp: Ab Muttenjoch lässt sich die Gaisspitze schnell ersteigen, an Eisenketten und über steilen Fels. Nicht ganz leicht, doch wirklich lohnend.

Verwall oder Ferwall?
Wer quer durch die alpine Literatur wandert, findet zwei verschiedene Schreibweisen, aber an die Namensgeschichte unserer Gebirgsgruppe wage ich mich nicht heran. Sie würde ganze Seiten füllen. Schon in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte es unter Onomastikern (oder: Namensforschern) heftige Diskussionen darum gegeben. Selbst der bekannte Alpin-Journalist Toni Hiebeler (1930 – 1984), mit Leib und Seele Vorarlberger, zucke vor dieser Schlüsselstelle zurück und kommentierte in seinem Buch “Wo ich die Alpen am schönsten fand“ wie folgt: “In Tirol und in den Alpenvereinsschriften gibt es nur ein Ferwall. Aber Tirol ist halt nicht Vorarlberg. Und in Vorarlberg wurde schon Verwall geschrieben, als es noch gar keinen Alpenverein gab“. Sein Protest bewegte viel, heute hat sich die Schreibweise Verwall durchgesetzt.

Verwall-Runde(n)
Anfahrt: Fernzüge von München über Bregenz und Feldkirch nach St. Anton am Arlberg. Von hier (Bus)Verbindungen nach Pettneu und St. Christoph. Mit dem Auto von Garmisch-Partenkirchen über den Fernpass, aus Richtung Westen über den Arlbergpass. Schruns: Fernzüge von München über Bregenz und Bludenz. Mit dem Auto über Lindau, Dornbirn und Feldkirch.

Beste Zeit: Ende Juni bis September

Anspruch: Durchgehend markierte, teils gesicherte Wege, viele hohe Pässe. Es gibt mehrere Varianten das Verwall zu durchqueren: mit Start in St. Christoph (1793 m), mit Start in Pettneu (1222 m), mit Start in Schruns und mit Start am Stausee Kops auf der Südseite des Gebirges.

Hütten-Info: DAV-Broschüre “Die Verwall-Runde“ mit allen Varianten und

www.verwall.de

Die angegebenen Zeiten sind eher knapp.

für Biker: Mountainbike-Guide, erhältlich Tourismusverband St. Anton.

Tourist-Info: Tirol: Tourismusverband St. Anton am Arlberg, A 6580 St. Anton,
Tel.: 0043(0)5446/22690, Fax: 0043(0)5446/2532,
info@stantonamarlberg.com

Vorarlberg: Klostertal Tourismus, Klostertalerstr. 70, A 6752 Dalaas,
Tel.: 0043(0)55857244, Fax: 0043 (0)5552302271735,
info@klostertal.info

Große Verwall-Runde
1
) Start in St. Christoph: Arlbergpass (1793 m) – Kaltenberghütte (2089 m,
2 ½ Std.) Gipfelmöglichkeit: Kaltenberg (2896 m, Gletscherausrüstung, 3 Std.)

2) Kaltenberghütte (2089 m, 2 ½ Std.) – Konstanzer Hütte (1688 m, 6 Std.)

3) Konstanzer Hütte (1688 m) – Neue Heilbronner Hütte (2320 m, 3-4 Std.) Gipfelmöglichkeit: Patteriol (3056 m, II., plus 2 ½ Std)

4) Neue Heilbronner Hütte (2320 m) – Friedrichshafener Hütte (2138 m, 3 ½ Std.)

5) Friedrichshafener Hütte (2138 m) – Darmstädter Hütte (2384 m, 6-7 Std.) Gipfelmöglichkeit: Scheibler (2978 m), ab dem Kuchenjoch 1 Std., I.). Besser allerdings bei Begehung der Variante Konstanzer Hütte – Darmstädter Hütte.

6) Darmstädter Hütte (2384 m) – Kieler Wetterhütte (2809 m) - Niederelbehütte (2300 m, 4 Std.). Gipfelmöglichkeiten: Von der Kieler Wetterhütte: Fatlarspitze (2986 m, 1 Std.); von der Niederelbehütte: Kappeler Kopf, ½ Std., großartige Rundsicht)

7) Niederelbehütte (2300) – Edmund-Graf-Hütte (2408 m, 5-6 Std.). Gipfelmöglichkeit: Hoher Riffler - Südgipfel (3165 m, höchster im Gebirg´, über kurze, gute Steiganlage oder in einer Variante im Schotter rechts daran vorbei; dann mühsam, 2-3 Std.) Der drei Meter höhere Hauptgipfel ist durch einen tiefen Einschnitt im Massiv getrennt und nur mit steiler Kletterei (II-III) zu erreichen.

8) Edmund-Graf-Hütte (2408 m) – Pettneu (1222 m, 3 Std.). Von hier Busmöglichkeit über St. Anton zum Ausgangspunkt. Oder bereits nach dem Hohen Riffler am 7. Tag 2000 Höhenmeter absteigen.

1) Start in Pettneu: Route in umgekehrter Richtung: Pettneu (1222 m) – Edmund-Graf-Hütte  (2408 m, 3 ½ Std.). Danach sind die Gehzeiten von Hütte zu Hütte ähnlich wie beim Start in St. Christoph.

Variante Kleine Verwall-Runde
1.) St. Anton (1284 m) – Verwalltal, Salzhüttle (Busverbindung von St. Anton mehrmals täglich) – Konstanzer Hütte (1688 m, 1 Std.; ab St. Anton 3 Std.)

2.) Konstanzer Hütte (1688 m) – Darmstädter Hütte (2384 m, 4 -5 Std.). Gipfelmöglichkeit: Scheibler (2978 m, ab Kuchenjoch 1 Std., I). Danach wie oben, siehe Tage 6 - 8.

Wormser Höhenweg und mehr
1.) Schruns (680m) – Hochjochbahn  – Sennigratlift – Wormser Hütte (2305 m,
30 min ab Lift). Auch von Schrunz oder St. Gallenkirch (jeweils 6 Std.)

2.) Wormser Hütte (2305 m) – Neue Heilbronner Hütte (2320 m, 10-12 Std.)

3.) Neue Heilbronner Hütte (2320 m) – Friedrichshafener Hütte (2138 m, 3 Std.). Gipfelmöglichkeit: Gaisspitze (2779 m, 45 min.), nicht ganz geschenkt, aber lohnend.

4.) Friedrichshafener Hütte (2320 m) – Darmstädter Hütte (2384 m) und weiter wie oben, siehe Tage 6 – 8.

Tipps: Wer es ganz einsam will gelangt von Schruns ins Silbertal und erreicht über die Neue Reutlinger Hütte (Selbstversorger; Alpenvereinsschlüssel) und über das Gafluner Winterjöchle (2345 m) das Pfluntal. Von hier zur Konstanzer Hütte und weiter wie oben in der kleinen oder großen Runde beschrieben.

Für Sammler: Auf der Verwall-Runde Hüttenstempel sammeln. Ab sechs Übernachtungen gibt es von der DAV Sektion Reutlingen ein kostenloses “Finisher-Shirt“. Die Stempelkarten liegen auf den Hütten aus.

News: Aufgrund mehrerer Auswaschungen und Steinschlaggefahr war der Hoppe-Seyler-Weg im Herbst 2012 gesperrt.

Mehr bei www.verwall.de

Diesen Beitrag finden sie auch gedruckt in ähnlicher Form in:
 
Panorama- Das Magazin des Deutschen Alpenvereins - Heft 1/2013

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